Die Mehrheit der US-Aktien hat über ihre gesamte Börsenzeit weniger gebracht als einmonatige US-Staatspapiere. Langweiliger kann man Geld kaum anlegen.
Hendrik Bessembinder hat das für die US-Börse von 1926 bis 2016 nachgerechnet. Rund 57 Prozent der Einzelaktien lagen über ihre Lebenszeit hinter diesen Staatspapieren. Den Netto-Vermögenszuwachs des gesamten US-Aktienmarkts in diesen neun Jahrzehnten erklären rund 4 Prozent der börsennotierten Unternehmen.
Vier Prozent Nadeln. Sehr viel Heu.
Die eine Aktie zu suchen, die alles trägt, ist deshalb vor allem ein schlechtes Geschäft. Nur hast du deine Nadel schon. Sie heißt wie deine Firma.
Im Betrieb war die Konzentration richtig
Wer mit einem eigenen Betrieb vermögend geworden ist, hat nicht gestreut. Du hast Geld, Zeit und deinen Namen auf eine Karte gesetzt, vielleicht auch eine Bürgschaft für den ersten Kredit. Im Anlagelehrbuch heißt so etwas Klumpenrisiko. Gut, dass du damals keins aufgeschlagen hast.
Gefunden hast du deine Nadel übrigens nicht. Du hast sie gebaut, Jahr für Jahr, mit Entscheidungen, für die du selbst geradestehen musstest. Und du hattest dabei die Hand am Lenkrad. Du hast Preise verhandelt, Leute eingestellt, die neue Maschine gekauft oder den Kauf verschoben. Wenn ein großer Kunde wackelte, konntest du reagieren, notfalls am selben Tag.
Der Stolz darauf ist berechtigt, und ich würde ihn niemandem ausreden. Teuer wird er erst, wenn er zum Rezept für das Geld wird, das neben der Firma liegt.
Am Markt sitzt du auf dem Beifahrersitz
Sobald Geld nicht mehr im operativen Geschäft arbeitet, sondern angelegt wird, fehlt genau das, was die Konzentration im Betrieb gerechtfertigt hat. Bei einem börsennotierten Konzern erhöhst du keine Preise, baust keinen Vertrieb um und verhandelst keinen Einkauf nach. Du siehst Kurse. Das war's.
Konzentration ohne Lenkrad ist eine Wette. Im Betrieb bist du Unternehmer. Mit fünf Einzelaktien im Depot bist du Zuschauer mit hohem Einsatz.
Und eine große Wette läuft bei dir längst. Dein Einkommen hängt an einer Branche und einer Region, oft an einer überschaubaren Zahl von Kunden. Damit bist du nicht allein: Bei Millionären in Deutschland macht Betriebsvermögen im Durchschnitt rund 40 Prozent des Bruttovermögens aus, zeigt eine Auswertung des DIW aus dem Jahr 2020. Das ist ein Durchschnitt. Deine eigene Zahl lässt sich an einem Nachmittag ausrechnen, und sie ist die interessantere.
Für das Geld neben der Firma ergibt sich daraus eine einfache Prüffrage: Gleicht es deine Wette aus, oder verdoppelt es sie? Die Verdopplung kommt gern durch die Hintertür und fühlt sich an wie Sachverstand. Wer als Maschinenbauer das Depot mit Maschinenbauaktien füllt, weil er die Branche so gut kennt, setzt zweimal auf dieselbe Konjunktur. Das ist eine zweite Nadel aus demselben Draht. In dem Jahr, in dem die Aufträge ausbleiben, wünschst du dir ein Depot, das nicht an denselben Aufträgen hängt.
Eine Unterscheidung gehört dazu. Liegt das Depot in deiner operativen GmbH, gehört es zum Vermögen der Firma und steht auch für ihre Risiken ein. Streuung verteilt das Marktrisiko, dieses Risiko verteilt sie nicht. Was daraus folgt, steht im Ratgeber Brauchst du dieses Geld überhaupt jemals privat?
Nadel suchen oder Heuhaufen kaufen
Wer die Nadel trotzdem suchen will, kann das selbst tun oder einen Fondsmanager beauftragen, dessen Beruf die Nadelsuche ist. Liegt einer ein paar Jahre vorn, sieht das nach Können aus. Mark Carhart hat 1997 untersucht, warum manche Aktienfonds dauerhaft vorn liegen. Sein Befund: Gemeinsame Faktoren und Kosten erklären das fast vollständig. Für jemanden, der seinen Erfolg auf das eigene Urteil gebaut hat, ist das eine leise Kränkung. Gut belegt ist es trotzdem.
Das andere Ende ist schlicht: den ganzen Heuhaufen kaufen. Ein breiter, weltweiter Indexfonds, günstig und ohne Ehrgeiz, Nadeln und Heu inklusive. Das ist ein völlig legitimer Weg. Dafür braucht es mich nicht.
Zwischen diesen Enden gibt es Abstufungen. Manche Ansätze bleiben breit gestreut und gewichten nach festen, messbaren Regeln statt nach Bauchgefühl, etwa nach günstiger Bewertung, nach dem Trend oder nach der Qualität der Bilanz. Die Forschung zu solchen Mustern ist seit Jahrzehnten öffentlich. Bewiesen ist damit nichts. Auch ein regelbasierter Ansatz kann jahrelang hinter dem Markt liegen, und bekannte Renditemuster waren nach ihrer Veröffentlichung im Schnitt 58 Prozent schwächer, wie McLean und Pontiff 2016 gezeigt haben. Das Aktienrisiko bleibt in jedem Fall in voller Höhe.
Wer dir hier eine Abkürzung verspricht, verkauft dir wieder eine Nadel.
Welcher Weg zu dir passt, ist deshalb weniger eine Produktfrage als eine Frage an dich: Wie viel Kontrolle brauchst du, um ruhig zu bleiben?
Das Lenkrad sitzt jetzt woanders
Einem Menschen verzeihen wir einen Fehler. Einer Regel nicht. Dietvorst, Simmons und Massey haben 2015 gezeigt, dass Menschen nach einem sichtbaren Fehler das Vertrauen in einen Algorithmus schneller verlieren als in einen Menschen, auch wenn der Algorithmus insgesamt besser war.
Bei Unternehmern kommt etwas dazu. Du hast deinen Betrieb mit eigenem Urteil groß gemacht. Dass beim Geld daneben eine Regel dieses Urteil ersetzen soll, kratzt. Leise, aber es kratzt.
Dieselben Forscher haben 2018 nachgelegt: Menschen nutzen einen unvollkommenen Algorithmus deutlich eher, wenn sie seine Ergebnisse ein wenig verändern dürfen, selbst wenn der Spielraum stark begrenzt ist. Ich lese daraus etwas für dein Depot. Du behältst das Lenkrad, es sitzt nur an einer anderen Stelle.
Du bestimmst den Rahmen. Wie viel Geld überhaupt angelegt wird, nämlich nur der Teil, den der Betrieb erkennbar nicht braucht (so ermittelst du deine Sockelliquidität). Wie lange es liegen soll. Wie viel Verlust in Euro du tragen kannst, ohne im falschen Moment die Nerven zu verlieren. Und wann eingegriffen wird. Was du abgibst, ist die Auswahl der einzelnen Titel, also genau der Teil, der sich am Markt nur nach Kontrolle anfühlt.
Im Betrieb ist das übrigens längst deine Rolle. Du stehst nicht selbst an jeder Maschine. Du legst fest, was gebaut wird und wann ein Auftrag gestoppt wird. Genau dort sitzt auch mein Teil der Arbeit: beim Rahmen, nicht bei der Wette auf einzelne Titel.
Ein Depot ohne Geschichte fürs Abendessen
Bleibt die Langeweile, und die ist schwerer auszuhalten, als sie klingt. Brad Barber und Terrance Odean haben die Konten von 66.465 US-Haushalten bei einem Discountbroker aus den Jahren 1991 bis 1996 ausgewertet. Die Haushalte, die am meisten handelten, lagen im Schnitt mehr als sechs Prozentpunkte pro Jahr hinter dem Markt. Die Autoren erklären das mit Selbstüberschätzung. Das sind historische Zahlen aus den USA und keine Prognose. Die Richtung ist trotzdem unangenehm klar.
Der Drang zu handeln entsteht beim Blick ins Depot. Ich kenne Unternehmer, die jeden Monat ins Firmendepot schauen und einen unerfreulichen Monat als Beleg gegen die ganze Anlage nehmen. Den Reflex verstehe ich. Im Betrieb ist ein schlechter Monat ein Signal, und wer darauf nicht reagiert, hat bald ein Problem. Im Depot ist ein schlechter Monat erst einmal ein Monat.
Eingreifen ist trotzdem erlaubt. Der Auslöser muss nur feststehen, bevor der Monat kommt, der dich ärgert. Dann entscheidet eine Regel, die du selbst gemacht hast, und die Laune an einem verregneten Dienstag hat Pause.
Ein gut gebautes Depot liefert dafür keine Geschichte fürs Abendessen. Keine Aktie, die du vor allen anderen gesehen hast, kein genialer Ausstieg kurz vor dem Einbruch. Das ist Absicht. Die Geschichten erzählt deine Firma. Und die Zeit, die du nicht vor Kurslisten verbringst, gehört ihr. Oder dir.
Deine Nadel bleibt deine Firma. Dort gehören dein Urteil, dein Mut zur Konzentration und deine Hand am Lenkrad hin.
Für das Geld daneben brauchst du keine zweite.
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