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Wie viel Liquidität braucht mein Betrieb wirklich?

Bevor auch nur ein Euro Firmengeld angelegt wird, muss eine Frage sauber beantwortet sein: Wie viel muss täglich verfügbar bleiben? Die Methode aus meinen Erstgesprächen, in vier Schritten.

Von Lars Wallenhorst · 13. Juli 2026 · Lesezeit ca. 5 Minuten

Es gibt eine Reihenfolge, die in der Anlageberatung für Unternehmen nicht verhandelbar ist: Erst klären, wie viel Liquidität der Betrieb braucht. Dann über Anlegen sprechen. Wer sie umdreht, betreibt Verkauf, keine Beratung.

Die gute Nachricht: Diese Klärung ist kein Hexenwerk. Du brauchst dafür deine Kontoauszüge, deine Investitionsplanung und eine halbe Stunde Ehrlichkeit. Hier ist der Weg, den ich in jedem Erstgespräch gehe.

Das Modell: Firmenliquidität hat drei Schichten

1. Operative Liquidität. Material, Personal, Miete, Vorfinanzierung von Aufträgen. Dieses Geld gehört aufs Geschäftskonto, täglich verfügbar. Punkt. Hier wird nicht optimiert.

2. Reserve. Der Puffer für Unvorhergesehenes und für geplante Investitionen: die Maschine, die nächstes Jahr kommt, die mögliche Steuernachzahlung, der Auftrag, der plötzlich Vorleistung verlangt. Muss kurzfristig greifbar bleiben.

3. Sockelliquidität. Der Teil, der seit Jahren einfach nur mitläuft. Die Bankbetriebslehre nennt ihn seit über 150 Jahren „Bodensatz“, deshalb liest man oft auch von der Bodensatzliquidität. Er wurde nie gebraucht: nicht im schwächsten Quartal, nicht im teuersten Jahr. Genau dieser Teil kann und sollte arbeiten.

Die Schichten 1 und 2 sind tabu für jede langfristige Anlage. Die ganze Diskussion dreht sich ausschließlich um Schicht 3 und darum, wie groß sie wirklich ist.

Schritt 1: Der Blick zurück auf deinen niedrigsten Kontostand

Öffne deine Kontoauszüge der letzten 36 Monate und suche den niedrigsten Saldo, den deine Firmenkonten in dieser Zeit hatten. Drei Jahre deshalb, weil sie in den meisten Betrieben mindestens einen vollen Zyklus abdecken: starke und schwache Quartale, Steuertermine, Urlaubsgeld, Wintergeschäft.

Dieser Tiefpunkt ist eine bemerkenswert ehrliche Zahl. Was selbst im schlechtesten Moment der letzten drei Jahre noch auf dem Konto lag, hat dein Tagesgeschäft in drei Jahren nie angefasst. Das ist dein Ausgangswert.

Schritt 2: Der Blick nach vorn auf geplante Investitionen

Die Vergangenheit kennt deine Zukunftspläne nicht. Also ziehst du vom Ausgangswert alles ab, was in den nächsten zwei bis drei Jahren konkret ansteht: Maschinen, Fahrzeuge, Umbauten, Digitalisierung, geplante Einstellungen, absehbare Steuernachzahlungen, eine mögliche Firmenübernahme.

Wichtig ist das Wort konkret. „Vielleicht bauen wir irgendwann mal an“ ist keine Investitionsplanung, dafür ist der Sicherheitspuffer da. Aber was realistisch auf der Agenda steht, gehört hier raus.

Schritt 3: Der Sicherheitspuffer

Zusätzlich bleibt ein Puffer stehen, der nirgends verplant ist. Meine Faustregel: zwei bis drei Monatsfixkosten, je nach Branche auch mehr. Ein Betrieb mit starkem Saisongeschäft oder langer Vorfinanzierung im Projektgeschäft braucht mehr Luft als ein Unternehmen mit gleichmäßigen monatlichen Einnahmen.

Dieser Puffer ist der Preis für ruhigen Schlaf. Er ist bewusst großzügig, denn die teuerste Situation, die es zu vermeiden gilt, ist der Zwangsverkauf einer Anlage im falschen Moment.

Schritt 4: Was übrig bleibt, ist deine Sockelliquidität

Beispiel: Handwerksbetrieb mit ø 800.000 € Kontostand
Ermittlung der Sockelliquidität in vier Schritten
Niedrigster Kontostand der letzten 36 Monate 450.000 €
abzüglich geplante Investitionen (2 bis 3 Jahre) − 150.000 €
abzüglich Sicherheitspuffer (3 Monatsfixkosten) − 100.000 €
Sockelliquidität (dauerhaft frei) ca. 200.000 €
Beispielwerte zur Veranschaulichung der Methode. Der durchschnittliche Kontostand (hier 800.000 €) spielt bewusst keine Rolle, gerechnet wird ab dem Tiefpunkt.

Auffällig an diesem Beispiel: Vom gefühlten „wir haben 800.000 € auf dem Konto“ bleiben nach ehrlicher Rechnung 200.000 € echte Sockelliquidität. Bei anderen Betrieben ist es umgekehrt: das Bauchgefühl sagt „wir brauchen alles“, und die Kontoauszüge beweisen das Gegenteil. Genau deshalb lohnt die Rechnung: Sie ersetzt Gefühl durch Zahlen.

Was dieser Sockel steuerlich und wirtschaftlich leisten kann, habe ich im Beitrag Tagesgeld vs. Aktienfonds für die GmbH durchgerechnet. Der Unterschied ist deutlich größer, als die meisten vermuten.

Warum „im Zweifel weniger“ die richtige Regel ist

Die Ermittlung der Sockelliquidität ist Handwerk, keine exakte Wissenschaft. Deshalb gilt bei mir eine einfache Regel: Im Zweifel wird konservativer gerechnet.

Zu viel Liquidität auf dem Konto zu behalten kostet etwas Rendite. Das ist verkraftbar. Umgekehrt eine langfristige Anlage nach zwei Jahren im schlechtesten Moment auflösen zu müssen, weil der Puffer zu knapp war, kostet richtig Geld. Zwischen diesen beiden Fehlern ist die Wahl einfach.

In der Praxis heißt das oft auch: gestaffelt einsteigen statt alles auf einmal, und die Rechnung einmal im Jahr wiederholen, spätestens wenn sich Auftragslage oder Investitionspläne spürbar ändern.

Fazit

Die Frage „Wie viel Liquidität braucht mein Betrieb?“ beantwortet man nicht mit Bauchgefühl, sondern mit drei Zahlen: dem niedrigsten Kontostand der letzten drei Jahre, den konkreten Investitionsplänen und einem ehrlichen Sicherheitspuffer. Was danach übrig bleibt, ist kein Notgroschen mehr, sondern Kapital, das seit Jahren unbezahlt herumliegt.

Diese Rechnung mache ich mit dir gern gemeinsam: mit deinen Kontoauszügen, deinen Plänen, deinen Zahlen.

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