Denk an die Jahre nach der letzten großen Investition. Die neue Halle, der zweite Standort. Zuerst fließt Geld ab, dann kommt eine Weile wenig zurück, und wenn es gut läuft, trägt es irgendwann. In der Fondsbranche heißt dieser Verlauf J-Kurve. Und Anlagen mit genau diesem Verlauf werden dir gerade an jeder Ecke angeboten.
Private Markets sind das Anlagethema der Saison. Erklären lassen musst du dir die Mechanik dahinter allerdings nicht. Das illiquideste Investment deines Lebens besitzt du seit Jahren. Es hat Mitarbeiter, einen Steuerberater und eine Handelsregisternummer.
Die J-Kurve heißt bei dir Anlaufjahre
Leg einmal nebeneinander, was Fachleute über Private Markets erklären und was du über deine Firma weißt.
Am Anfang geht Geld raus, und die Kurve zeigt erst einmal nach unten. Du kennst das als die Jahre nach der neuen Fertigungslinie. Wenn es eng wurde, hast du nachgelegt, notfalls aus eigener Tasche.
Einen Tageskurs hat deine Firma nicht. Was sie wert ist, erfährst du zu besonderen Anlässen: wenn die Bank eine Finanzierung prüft, wenn ein Gesellschafter aussteigt, wenn jemand ein Angebot macht. Dazwischen lebst du mit einer Schätzung. Meistens mit deiner eigenen.
Und aus deiner Firma als Anlage kommst du meist erst heraus, wenn ein Käufer oder Nachfolger davorsteht.
Illiquide investieren? Machst du seit Jahren.
Spannend ist deshalb eine andere Frage: Wie viel Illiquidität verträgt dein Vermögen noch, wenn der größte Posten schon festliegt?
Was unter dem Etikett steckt
Private Markets ist ein Sammelbegriff. Gemeint sind Beteiligungen an Unternehmen, die nicht an der Börse gehandelt werden, Kredite an Unternehmen und Projekte, Infrastruktur wie Stromnetze und Glasfaser, erneuerbare Energien wie Windparks. Vieles davon könnte man besichtigen. Nur verkauft man es nicht mal eben an einem Nachmittag.
Genau darin liegt die Idee einer Prämie. Wer sein Geld lange festlegt und sich durch komplizierte Strukturen arbeitet, kann dafür einen Aufschlag bekommen, den Fachleute Illiquiditäts- oder Komplexitätsprämie nennen. Das ganze Gewicht dieses Absatzes liegt auf dem Wort „kann“. Ob sie ankommt, hängt davon ab, was gekauft wurde, zu welchem Preis und wer ausgewählt hat. Einplanen würde ich sie nicht.
Ich halte Private Markets für eine Ergänzung zu Aktien und Anleihen. Als Ersatz taugen sie aus meiner Sicht nicht. Wer sie dir als Ersatz anbietet, darf ruhig ein paar Nachfragen mehr beantworten.
Dass solche Anlagen so breit angeboten werden, weckt zwei Gefühle zugleich. Endlich kommst du an etwas heran, das lange den ganz Großen vorbehalten war. Und gleichzeitig fragst du dich, warum man es dir ausgerechnet jetzt anbietet. Beide Gefühle dürfen bleiben. Das Misstrauen gern etwas länger.
Geduld muss man sich leisten können
Versicherer und Pensionsfonds gehören im Euroraum zu den wichtigen Investoren in Private Markets, so steht es im Finanzstabilitätsbericht der Europäischen Zentralbank vom Mai 2026. Der Grund steht in jedem Lehrbuch: Wessen Zahlungsversprechen weit in der Zukunft liegen, kann Geld lange binden. Eine Rente, die erst in 30 Jahren beginnt, muss heute nicht verfügbar sein.
Leg das auf dich um. Wann brauchst du dieses Geld frühestens, ehrlich gerechnet und nicht gehofft? Und was müsste passieren, damit es plötzlich schnell gehen muss? Eine Maschine fällt aus, ein Mitgesellschafter will raus, oder es taucht eine Gelegenheit zum Zukauf auf, die nicht wartet.
Warten kann nur, wer nicht muss. Wer das nur zu können glaubt, merkt es an der Tür.
Einmal im Quartal auf die Waage
Was an keiner Börse gehandelt wird, hat keinen Tageskurs. Der Wert wird geschätzt, seltener und mit Verzug. Heraus kommt eine Linie, die deutlich ruhiger aussieht als jeder Aktienchart. Man schaut hin, und nichts zuckt.
Das ist ungefähr so, als würdest du nur einmal im Quartal auf die Waage steigen. Du siehst keine täglichen Schwankungen.
Du hast trotzdem welche.
Die Kurve wird glatter, das Risiko zeigt sich bloß später. Der Internationale Währungsfonds beschreibt für private Unternehmenskredite veraltete Bewertungen, weil Zweitmärkte fehlen, Vergleichsgeschäfte rar sind und nur unregelmäßig bewertet wird. Und die EZB schreibt im erwähnten Bericht nüchtern, Private Markets seien wegen komplexer Hebelstrukturen, undurchsichtiger Bewertungspraxis und begrenzter Liquidität anfällig für unvorhergesehene, abrupte Wertänderungen. Dort steht auch, dass offene und halboffene US-Fonds für private Unternehmenskredite 2026 hohen Rückgabewünschen gegenüberstanden und ihre Rücknahmegrenzen oft ausschöpften.
Ich lese das nicht als Alarmsignal. Es zeigt, wie so eine Tür funktioniert, wenn viele gleichzeitig hinauswollen: Sie geht auf, aber nur so weit, wie die Regeln es vorsehen.
Im Ratgeber Risiko in Euro statt Prozent geht es um die Euro im Minus und darum, wann du das Geld brauchst. Hier kommt dazu, wer entscheidet, wann du es bekommst. An der Börse entscheidest du selbst, wann du verkaufst, nur eben nicht, zu welchem Kurs. Bei Private Markets entscheidet ein Regelwerk, das du vorher unterschrieben hast.
Jede Tür hat eigene Öffnungszeiten
Wie man hineinkommt, ist schnell erzählt. Entscheidend ist der Ausgang, und da unterscheiden sich die Wege erheblich.
Beim ELTIF, dem europäischen langfristigen Investmentfonds, ist mit der überarbeiteten EU-Verordnung seit Januar 2024 für Privatanleger die frühere gesetzliche Mindestanlage von 10.000 Euro entfallen, die ohnehin nur für kleinere Depots galt. Geprüft wird weiter, ob die Anlage zu dir passt, und einzelne Fonds setzen eigene Mindestbeträge. Zurückgeben kannst du deine Anteile grundsätzlich erst zum Laufzeitende. Während der Laufzeit geht das nur, wenn der Fonds es vorsieht, und dann unter engen Bedingungen. Die BaFin sagt es auf ihrer Verbraucherseite ohne Umschweife: Das Geld ist grundsätzlich jahrelang gebunden, ein vorzeitiger Ausstieg schwierig oder sogar unmöglich, ein Totalverlust möglich. Geeignet sei so etwas allenfalls als Beimischung.
Fonds für semiprofessionelle Anleger verlangen eine Eintrittskarte. Semiprofessionell ist nach dem Kapitalanlagegesetzbuch unter anderem, wer sich verpflichtet, mindestens 200.000 Euro zu investieren, in einem eigenen Dokument bestätigt, die Risiken zu kennen, und dessen Sachverstand die Fondsgesellschaft geprüft hat. Das regelt, wer hineinkommt. Wie man wieder herauskommt, steht in den Bedingungen des einzelnen Fonds. Dort lohnt sich das Lesen.
Andere Fonds nehmen Anteile nur zu festen Terminen zurück, mit einer Kündigungsfrist und einer Obergrenze je Termin. Wollen mehr Anleger hinaus, als die Obergrenze zulässt, bekommt nicht jeder alles zum gewünschten Termin zurück.
Bei Versicherungsverträgen mit Referenzportfolio gehst du gar nicht selbst durch die Tür: Der Vertragswert folgt einem Korb nicht börsennotierter Anlagen im Bestand des Versicherers. Die einzelnen Anlagen hältst du nicht unmittelbar. Ob und wann du Geld entnehmen oder kündigen kannst, welche Abzüge anfallen und wie sich Verluste auswirken, steht in den Bedingungen des jeweiligen Vertrags. Diese Tür prüfst du vor der Unterschrift.
Jede dieser Hüllen hat eigene Regeln für Ausstieg, Kosten und Steuer. Welche für dich überhaupt infrage kommt, hängt stark davon ab, ob das Geld in deiner GmbH liegt oder privat. Das beantworte ich hier bewusst nicht pauschal, weil eine pauschale Antwort genau an dieser Stelle falsch wäre. Die Anlageseite sortiere ich gern mit dir. Die Steuerseite gehört zu deinem Steuerberater, und zwar bevor du unterschreibst.
Firmengeld mit Termin bleibt draußen
Für Geld in der GmbH halte ich an einer Regel fest: Was einen betrieblichen Termin hat, gehört nicht hinter eine Tür mit Öffnungszeiten. Löhne, Steuervorauszahlungen, die Reserve für ein schwaches Quartal, die Maschine, die in zwei Jahren ersetzt werden muss. Wie viel davon der Betrieb wirklich braucht, klärst du vorher mit einer sauber ermittelten Sockelliquidität. Infrage kommt überhaupt nur, was auch dann nicht gebraucht wird, wenn es im Betrieb einmal ungemütlich wird.
Dazu kommt ein Punkt, der so nahe liegt, dass man ihn leicht übersieht. Die Firma selbst ist schon der größte illiquide Posten. Wer im Firmendepot zusätzlich lange bindet, stapelt Illiquidität auf Illiquidität. In guten Jahren fällt das nicht auf. Die Momente, in denen der Betrieb Geld braucht, suchst du dir nicht aus.
Wenn die eine Tür aufgeht
Nach einem Firmenverkauf dreht sich das Bild. Zum ersten Mal steckt dein Vermögen nicht mehr in Halle und Maschinen. Es liegt auf einem Konto, privat oder in deiner Holding, sehr liquide und sehr sichtbar.
Für jemanden, der jahrzehntelang fast jeden Gewinn in den Betrieb gesteckt hat, fühlt sich ein volles Konto schnell falsch an. Irgendwie unordentlich. Der Impuls, gleich wieder etwas Festes zu kaufen, ist gut zu verstehen. Private Markets wirken in diesem Moment besonders vertraut, sie ticken ja wie das, was du gerade verkauft hast. Genau das macht den Impuls gefährlich.
Der Verkauf hat dir etwas gebracht, das du vorher nie hattest: die Freiheit, zu warten, ohne zu müssen. Sie hält nur so lange, wie du sie nicht gleich wieder festlegst. Ob du einen großen Betrag auf einmal oder verteilt anlegst, ist eine eigene Frage.
Die ehrliche Antwort auf die Frage, wie viel Illiquidität dein Vermögen noch verträgt, kann ein kleiner, sauber abgegrenzter Teil sein. Sie kann auch lauten: im Moment gar nichts. Die zweite Antwort ist mir lieber als ein Vertrag, den jemand in fünf Jahren bereut, weil die Tür genau dann zu war, als er sie gebraucht hätte.
Illiquidität muss dir niemand erklären. Die größte Tür mit Öffnungszeiten gehört dir schon. Du schließt sie jeden Morgen auf.
Wie illiquide ist dein Vermögen schon?
30 Minuten, kostenfrei, ohne Verkaufsdruck. Wir legen Firma, Firmendepot und Privatvermögen nebeneinander und schauen, welcher Teil zehn Jahre ohne Tür auskommt und welcher nicht.